
"Pamiêæ
pogranicza" (Erinnerung an das Grenzgebiet) - so lautet die
Kurzbezeichnung des Projektes, das seit Frühjahr 2005 von Studenten,
Doktoranden und Wissenschaftlern aus Polen und Deutschland verwirklicht wird.
Der
volle Titel des Projektes lautet:
"Historia lokalna pogranicza polsko-niemieckiego w
perspektywie historii Europy XX wieku. Studium przypadku na przyk³adzie
warmiñskiej wsi Purda Wielka" - "Lokalgeschichte des deutsch-polnischen
Grenzgebietes aus der Perspektive der europäischen Geschichte des 20.
Jahrhunderts. Eine Fallstudie am Beispiel des ermländischen Dorfes Gross-Purden".
Das
Projekt besteht aus einem wissenschaftlichen und einem kulturellen Teil, die
sich gegenseitig ergänzen und aufeinander abgestimmt sind. Anlass zur
Durchführung eines solchen Projekts gab das Wiederauffinden und die Ergänzung
der einzigartigen Forschungsaufzeichnungen junger Soziologen, die 1948 von
Prof. Stanislaw Ossowski geleitet wurden.
Die
wissenschaftliche Komponente ergibt sich aus der Bearbeitung dieser aus dem
Jahre 1948 stammenden reichen Forschungsmaterialien und der eigenständigen
Forschungsarbeit, die von uns im Jahre 2005 durchgeführt wurde.
Der
kulturelle Part besteht in der Vorbereitung einer Ausstellung, der Erarbeitung
von Skripten zum genannten Thema " Pamiêæ pogranicza " (Erinnerung an das
Grenzgebiet) sowie der Organisation und Gestaltung eines Festes im Rahmen der
Abschlussarbeiten vom 29. Juli bis zum 6. August 2006.
I Die europäische Dimension der regionalen Geschichte
Gross-Purdens
Das deutsch-polnische
Grenzgebiet gehört zu den interessantesten Regionen in Europa, die von
internationalen Kontakten geprägt sind. Dieses Gebiet, das heute ein Drittel
des Territoriums Polens, Teile Tschechiens und Deutschlands umfasst, erlebte
zahlreiche Veränderungen seiner territorialen Zugehörigkeit im Verlauf von
tausend Jahren germanisch-slawischer Nachbarschaft. Die Vergangenheit dieser
Region ist verbunden mit der Geschichte des Kreuzritterordens und der
Geschichte der böhmischen Länder, Österreichs, Preußens und des Deutschen
Reiches. In der späten Neuzeit spielten sich in diesem
Raum offene nationale deutsch-polnische Konflikte ab, die bestimmt wurden von
ethnischen Unterschieden, Assimilationsbestrebungen und dem Kampf um die Grenze
(Plebiszite 1920, 1921). Die einheimische Bevölkerung dieses Gebietes
(Kaschuben, Schlesier, Masuren, Ermländer) wurde zum Objekt einer
instrumentalisierten Politik zweier miteinander rivalisierenden Nationalismen
(die durch den deutschen und den polnischen Staat unterstützt wurden). Unter
dem Einfluss der Assimilationspolitik, die durch Otto von Bismarck begonnen
worden war, sowie den Akkulturationsprozessen "nahm" die Mehrheit der
einheimischen Bevölkerung die deutsche Nationalität "anErgebnisse".
Der zweite Weltkrieg traf diese Gebiete mit seiner ganzen Brutalität erst
gegen Ende des Jahres 1944.
Zuvor mussten in
diesem deutsch-polnischen Grenzgebiet Hunderttausende
Zwangsarbeit leisten. Allein in Ostpreußen, einer Provinz, die etwa 2 300 000
Einwohner zählte, wurden während des Krieges 230 000 Zwangsarbeiter
beschäftigt. Das Ende des zweiten Weltkrieges wurde durch das Drama von Flucht und Zwangsaussiedlung
deutscher Bürger aus Ost-Mittel-Europa eingeläutet. An ihre Stelle kamen in die
einst deutschen Ostgebiete, die Polen angegliedert wurden, Siedler aus
Zentralpolen und den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die nach 1945 die
Sowjetunion annektiert hatte. Die soziale wie auch die nationale Struktur der
Bevölkerung dieser Region veränderte sich grundlegend.
Auf diese Weise kam
es neben den bereits erwähnten modernen nationalen Konflikten zu einem zweiten
"europäischen Phänomen" des deutsch-polnischen Grenzgebietes - der
Massenmigrationen. Diese dauerten in diesem Gebiet bereits seit dem Mittelalter
an und erreichten in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts Massencharakter.
Gross-Purden liegt
am Rand des deutsch-polnischen Grenzgebietes und zugleich in dessen Zentrum. Es
wurde von allen "europäischen" Phänomenen berührt, die für die Koexistenz
zweier Nationen und Kulturen charakteristisch sind.
Das Dorf entstand im
15. Jahrhundert innerhalb der Grenzen des ermländischen Bistums, welches ein
autonomer Teil des Kreuzritterstaates
war. Bis heute steht im Zentrum des Dorfes eine Kirche, die im 16. Jahrhundert
durch Marcin Kromer, Bischof und bedeutender europäischer Intellektueller des
16. Jahrhunderts, errichtet wurde. Das Dorf bewohnten Siedler aus Nordmasowien,
die bis ins 20. Jahrhundert einen polnischen Dialekt sprachen. Die Umgebung des
Dorfes, in der deutsche Siedler wohnten, traf im 19. Jahrhundert eine
Migrationswelle, die so genannte „Ostflucht“. Zur Zeit der Reichstagswahlen konkurrierten in diesem Raum Stimmen der
katholischen Zentrumspartei mit denen der polnischen Minderheit. In der Zwischenkriegszeit
gab es in Gross-Purden zwei Schulen: eine polnische Schule und eine deutsche.
Nach dem zweiten Weltkrieg verblieb ein großer Teil der einheimischen
Bevölkerung im Ort. Es kamen Siedler aus Masowien und Vilnius sowie Ukrainer
nach Gross-Purden, die aus den nordöstlichen Gebieten Polens zwangsausgesiedelt
worden waren.
Die größte
Emigrationswelle in die Bundesrepublik Deutschland fällt in die zweite Hälfte
der 50. und das Ende der 70. Jahre des 20. Jahrhunderts.
Gross-Purden ist
also bis heute ein lebendiger Organismus des deutsch-polnischen Grenzgebietes.
Hier wohnen Menschen, die sich mit Polen und mit Deutschland identifizieren.
Hier leben vor allem Erinnerungen weiter, die sich auf das Nebeneinander von
Polen und Deutschen berufen.
II Internationale Zusammenarbeit
An dem Projekt in Gross-Purden
nehmen 16 Personen - Studenten der Universitäten aus Posen (Poznañ), Warschau,
Breslau (Wroc³aw), Allenstein (Olsztyn), Leipzig, Berlin und Oldenburg teil.
Die wissenschaftliche Zusammenarbeit schließt zudem die Teilnahme von
Wissenschaftlern des Instituts für Politikwissenschaften der Polnischen
Akademie der Wissenschaften (Instytut Spraw Politycznych Polskiej Akademii
Nauk), des Westinstituts (Instytut Zachodni), der Adam-Mickiewicz-Universität
aus Posen und der Universität aus Leipzig ein.
Das Projekt setzt die gemeinsame
Forschungsarbeit unter Verwendung des Wissens und der Erfahrung polnischer wie
deutscher Wissenschaftler voraus. Daher ist sowohl die Integration auf der
wissenschaftlichen Ebene als auch die Kommunikation zwischen den einzelnen
Teilnehmern aus Polen und Deutschland notwendig.
Ein wesentlicher Teil des Projektes
stellt die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium und der Grundschule in Gross-Purden
dar. Wir streben eine Integration des Projekts im Dorf selbst an, damit es
nicht nur den Charakter einer wissenschaftlichen Werkstatt besitzt, sondern
darüber hinaus längerfristige Effekte für die Einwohner Gross-Purdens mit sich bringt.
Im Verlaufe des über ein Jahr währenden Projekts sind folgende Formen der
Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern aus beiden Schulen in Gross-Purden
geplant:
1. Wettbewerb "nahe Geschichte" -
Schicksale, Alltag, ungewöhnliche Ereignisse in Familienerzählungen - für
Schüler des Gymnasiums (14-16 Jahre).
2. Wettbewerb in bildender Kunst
"magisches Gross-Purden" - Entdeckung bekannter und unbekannter Orte im Dorf -
für Schüler der Grundschule.
3. Vorbereitung von Hilfsmaterialien
für den Unterricht in Geschichte, Geographie, polnischer und deutscher Sprache
und Gesellschaftskunde unter Verwendung der historischen Besonderheit Gross-Purdens.
4. Einbeziehung von Jugendlichen und
Lehrern zur Ausstellung "Gross-Purden", die von den Projektteilnehmern
vorbereitet wurde.
III Europäisches historisches
Bewusstsein
Was ist europäisches historisches Bewusstsein?
Nach unserem Verständnis ist dies
keine Kreation eines künstlichen, homogenen Bildes von Europa. Der Sinn eines
europäischen historischen Bewusstseins besteht im Verstehen einer Vielfalt von
Erfahrungen und den vielfältigen Perspektiven ihrer Interpretation. Ausgehend
von dieser Annahme möchten wir die modellhafte Ausstellung „Deutsch-polnisches
Grenzgebiet: Geschichte - Erinnerung -
Interpretation“ organisieren und Hilfsmaterialien, die dem Wissen über die
Region dienen sollen, erarbeiten. In diesem Sinne wird auch ein
zwanzigminütiger Film des polnischen Fernsehsenders TVP 3 sowie eine
einstündige Radiosendung des staatlichen Radiosenders Radio Olsztyn
vorbereitet.
Unter Einbeziehung der Kompetenzen
von Lehrkräften der Universitäten Posen und Leipzig, wird eine Auswahl von
Quellentexten in polnischer und deutscher Sprache für Studierende der
Soziologie, der Germanistik und Polonistik erarbeitet. Dazu sollen Materialien
dienen, die während des Projekts gesammelt wurden.
Stanis³aw Ossowski [1897-1963]
Soziologe,
Kulturwissenschaftler, Spezialist für Ästhetik und Methodik der
Sozialwissenschaften, Schüler von Tadeusz Kotarbiñski und Stefan Czarnowski.
Von 1945 bis 1947 nahm Stanis³aw Ossowski eine Professur an
der Universität £ód¼ und von 1947 bis 1963 an der Universität Warschau wahr.
Zwischen 1956 und 1962 leitete er den Bereich Kultur und sozialen Wandel am
Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der
Wissenschaften (PAN). Von 1959 bis 1962 war er stellvertretender Leiter der Internationalen
Soziologischen Gesellschaft (ISA). Ossowski war ein Soziologe, der sich
durch vielseitige Interessen auszeichnete. Unter anderem war er Autor
bedeutender Arbeiten, die sich mit Themen wie Nation, Gesellschaftsstrukturen
und Besonderheiten der Sozialwissenschaften beschäftigten. Darüber hinaus
verteidigte er demokratische Rechte und wissenschaftliche Freiheiten. Nach 1956
gehörte er zu den Hauptinitiatoren, die sich für den Aufbau einer polnischen
Soziologie einsetzten.
Bereits im Jahre
1945 begann Stanis³aw Ossowski über die polnischen Westgebiete zu forschen - so
u.a. im Dorf Dobrzyñ Wielki in der schlesischen Wojewodschaft Oppeln. Darüber
hinaus begann er sich fast zeitgleich für das Ermland und die Masuren zu
interessieren. 1948 führte eine von ihm geleitete Gruppe des Instituts für
Soziologie der Universität Warschau umfassende Untersuchungen in diesem Gebiet
durch. Im Sommer des Jahres 1948 begab sich eine Gruppe von Studenten in die
Dörfer Rumy und D¼wierzuty (Masuren) sowie nach Leszno und Gross-Purden/Purda
Wielka (Ermland). Die in Gross-Purden/Purda Wielka arbeitende Gruppe wurde von
Wanda Górszczyk geleitet. Diese Untersuchungen wurden im folgenden Sommer,
unter anderem mit den Teilnehmern Wanda Górszczyk, Zofia Józefowicz, Aldona
Judycka, Danuta Malewska, Wac³aw Makarczyk, Wanda Pomianowska, Jadwiga Possart
und Jerzy Szacki, durchgeführt. Auf Anweisung des Wissenschaftlichen Instituts
für Genossenschaften wurden im Herbst des Jahres 1949 weitere Untersuchungen, die
wirtschaftliche Aspekte zum Gegenstand hatten, u.a. von Józef Czy¿ewski, Aldona
Judycka, Wac³aw Makarczyk und Jerzy Szacki durchgeführt.
Die Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse wurde jedoch
durch die Abschaffung der Soziologie in Polen verhindert. Nach der politischen
Wende des Jahres 1956 widmete man dieser Thematik keine Aufmerksamkeit mehr.
Spuren findet man von ihr allein in einzelnen Veröffentlichungen einiger
Autoren. Das Quellenmaterial war verteilt oder abhanden gekommen.
Silva Rerum
Weshalb wurde die wissenschaftliche Werkstatt ausgerechnet
in Gross-Purden organisiert?
Das Dorf verfügt über eine einzigartige historisch
dokumentierte Geschichte. In den Jahren 1946/47 führte der bekannte polnische
Soziologe Prof. Stanis³aw Ossowski unter anderem gerade in Gross-Purden
wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema kollektiver Identität durch. Die Ergebnisse dieser
Untersuchungen wurden nie veröffentlicht, da die Soziologie wenig später in der Volksrepublik Polen als wissenschaftliche
Disziplin verboten wurde. Die ursprünglichen Umfragen blieben jedoch erhalten
und wurden durch einen glücklichen Zufall Ende des 20. Jahrhunderts
wiederentdeckt. Somit gelangte eine einzigartige Dokumentation authentischer
Schicksale von Einwohnern Gross-Purdens vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum
Jahre 1948 in unsere Hände. Zwei
in Maschinenschrift erhaltene Magisterarbeiten fassen das Material zusammen,
welches zum Gegenstand folgender soziologischer und kulturwissenschaftlicher
Untersuchungen im Rahmen eines Projektes von ISP PAN (Institut für Politikwissenschaften der Polnischen Akademie der
Wissenschaften) und IZ (Westinstitut) in Poznañ wurde: Gross-Purden/Purda
Wielka. Forschung zu Identität
und Erinnerung im deutsch-polnischen Grenzgebiet.
Ergebnisse des
Projektes
Es fanden
statt:
Historisch- soziologische Werkstätten vom 12.8.2005 bis
23.8.2005 in Gross-Purden (Purda Wielka) bei Allenstein (Olsztyn).
Ein Treffen mit den Einwohnern Gross-Purdens
am 13.10.2005. Thema: "Geschichte und Erinnerung. Schicksale der Einwohner Gross-Purdens
als Teil der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts".
Gespräche mit Piotr Duda und Edward
Cyfus über den Abschluss des Projektes.
Das
Abschlusstreffen "Pamiêæ pogranicza" (Erinnerung an das Grenzgebiet) in Gross-Purden, Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse,
Vorbereitung weiterer Aktivitäten und Abschluss des Projektes.
Gross-Purden
Vor 1945
Gross-Purden wurde nach den Kriterien Goldbecks 1785 als "königliches
Bauerndorf" mit 84 Feuerstätten beschrieben. Samuel Gottlieb Waldo gibt 1817
für dieses Dorf 58 Feuerstätten und 351 Seelen an.
Nach dem Gemeindelexikon im Königreich Preußen aus dem Jahre
1907 zählte Gross-Purden 908 Einwohner. Weitere Angaben betreffen die
allgemeine Größe des Grundbesitzes: 1549 ha, 111 Häuser, 175 Familien sowie 11
Ledige. Von den Einwohnern bekannten sich 895 zum Katholizismus, 13 hingegen zum
evangelischen Glauben. 812 der 895 Katholiken sprachen Polnisch, 71 dagegen Deutsch.
Zwei Personen gaben eine andere Sprache an und zehn Deutsch sowie eine andere
Sprache. Von den erwähnten 13 Protestanten bedienten sich sechs des Deutschen
und sieben des Polnischen. In der Rubrik "andere Sprachen" sowie "Deutsch und
eine andere Sprache" gab es sieben Einträge. "Juden" oder "andere Christen"
verzeichnete die Statistik nicht. Die erste polnische Lesestube in Gross-Purden
wurde im Jahre 1883 eingerichtet.
Das Gemeindelexikon aus dem Jahre 1931 beschränkt sich nur
auf die Erfassung des Glaubensbekenntnisses und gibt für Gross-Purden 855
Einwohner an, davon neun Protestanten und 840 Katholiken. 1939 zählte Gross-Purden
820 Einwohner. Bei der Volksabstimmung gab es 190 Stimmen für Polen und 381 für
Ostpreußen. In den frühen 30er Jahren gehörten dem Bund der Polen in
Deutschland 37 Einwohner Gross-Purdens an. Die im Dezember 1930 gegründete
polnische Schule besuchten (den Angaben für das Jahr 1935 zur Folge) 13 Kinder,
die deutsche Schule dagegen 124. Die Ortsgruppe der NSDAP und der Bund
Deutscher Osten kontrollierten damals das Dorf
"recht gründlich". Im August 1939 löste die Gestapo die polnische Bücherei
auf.
Nach 1945
Das heutige Dorf Gross-Purden zählt knapp 1000 Einwohner. Im
Ort gibt es folgende Einrichtungen: das Gemeindeamt, einen Polizeiposten, einen
Kindergarten, eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Bibliothek, eine Ambulanz
und eine Sozialstation. Es gibt vier Geschäfte und einige Kleinbetriebe und
Dienstleistungseinrichtungen.
Von den ursprünglichen Einwohnern sind nur einige Familien
geblieben. Die Mehrheit bilden heute Zugereiste aus Zentralpolen und den
ehemaligen Ostgebieten Polens.